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 Betreff des Beitrags: Die Verlorene Phantasie von de Molay
BeitragVerfasst: 29.07.2012, 09:50 
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Die Verlorene Phantasie
Kurzgeschichte von H.G.


Alexandria 21.Mai 1992

Ich befand mich wie fast jede Woche im Lesesaal der Alexandrinischen Bibliothek. Wo auch Sie des Öfteren anzutreffen sind, und deren stiller Bewunderer ich bin. Bis an jenen Tag… ich saß wie immer am selben Tisch der Ihren gegenüber steht.
Als ich Sie herein kommen sah, versank mein Herz in der tiefsten Finsternis. Für einen langen Moment legte sich die Dunkelheit wie ein Schleier über das sonst so stark pulsierende Organ und brachte es aus seinem Rhythmus. Ich sah Sie und sah Sie doch nicht. Ich sah etwas, von dem ich glaubte, dass ich es nicht sehen solle, und glaubte für kurze Zeit, Sie zu schänden. Ein Impuls gebot mir, auf Sie zu, zu rennen und mich schützend über Sie zu werfen. Ich folgte diesem Impuls nur deshalb nicht, weil gleich darauf ein Lähmen einsetzte, das nicht nur meinen Kiefer herunterklappen, sondern auch meine Glieder erstarren ließ. Die anderen Männer im Lesesaal bemerkten die Veränderung an Ihr ebenso wie ich. Ihre Augen verrieten denselben Verlust von Kontrolle, der auch mich übermannte. Ein Dutzend ungläubiger Augenpaare schaute ehrfürchtig und entsetzt zu, wie Sie den Gang zu ihrem Tisch abschritten. Denn Sie kamen dieses Mal ohne ihren großflächigen Schwarzen Hut mit gleichfarbigem Schleier. Verstohlene Blicke von schwachen Männern trafen Ihre Augen, und diesmal nicht nur Ihre Augen. Wir alle sahen zum ersten Mal Ihr Gesicht.
Sicherlich wird es bei diesem einen Mal bleiben Obwohl ich es nur für einen Moment sah... jener von mir geschätzte, kurze Moment, in dem Sie, an mir vorüberging ohne mich zu sehen…, brannten sich die Einzelheiten dennoch in mein fotographisches Gedächtnis ein. Und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, muss ich doch sagen, dass die Magie ihrer Augen sich in den Weiten Ihres Gesichts verliert. Ich will keineswegs sagen, dass Ihr Gesicht nicht schön ist. Ich hatte es nur noch nicht so genau betrachtet. Doch jetzt sah ich es, ich sah jetzt Ihre göttliche Schönheit. Ich glaubte zu wissen, dass Sie deshalb ihr Gesicht immer mit etwas verdeckte, weil Ihre Schönheit nichts Menschliches mehr hat, und deshalb für das gewöhnliche Menschenauge zu stark ist. Ich vermutete immer das hinter diesen Hut mit schwarzen Schleier ein Gesicht ist, dessen Anmut sich meiner Vorstellungskraft entzieht, ein Gesicht, das mit den üblichen sprachlichen Attributen und Parametern nicht zu beschreiben ist. Stattdessen sah ich ein beschreibbares Gesicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Sie sind sehr schön. Sie haben ein feine, zierliche Nase, rosige Wangen, die sich trotz Ihres goldbraunen Teints zu präsentieren wissen, und einen sinnlichen Mund. Und zu allen passte das leicht gewellte tiefschwarze schulterlange Haar. Keiner der anwesenden Männer schien von Ihrem Anblick enttäuscht, im Gegenteil, sie freuten sich, Sie einmal unverhüllt schauen zu dürfen. Nur ich hatte, ich gestehe es, mehr erwartet. Ihr schwarzer Hutschleier hatte mich zu der Vermutung veranlasst, dass Ihrem Gesicht ein Geheimnis innewohnt, dass Ihr Gesicht ein mythisches Mysterium ist, dessen marmorne Merkmale nur der betrachten darf, der dieser unmöglich minderwertigen Menschheit meilenweit voraus ist. Ich glaubte, dass Sie ein Gesicht haben, das wir schon deshalb nicht sehen dürfen, weil wir sterblich sind.
Ich habe mich geirrt. Durch Ihre gestrige Enthüllung haben Sie für mich an Reiz verloren. All die Schönheit, konnte ich bis gestern in Sie hinein projizieren. All die Schönheit, die in meiner Phantasie ihr Ideal findet, hatte Platz in dem Geheimnis, das Sie um Ihre Erscheinung machten. Sie haben durch Ihre freiwillige Enthüllung meiner Phantasie einen wenn nicht tödlichen, so doch erheblichen Schmerz zugefügt. Denn wenn meine Phantasie Ihren Körper bis gestern noch komplett… mit Ausnahme der Augen, natürlich… nach meinen Idealvorstellungen erschaffen konnte, so bleibt ihr nach dem heutigen Tag nur noch der Körper ohne das Gesicht. Sie haben mich durch das Zeigen Ihres Gesichtes einer Phantasie beraubt, in die ich verliebt war.
Ich bitte Sie inständig: Wenn Sie morgen in die Bibliothek kommen, dann kommen Sie verhüllt. Noch ist es nicht zu spät. Noch können Sie meine Enttäuschung von gestern schmälern, indem Sie wieder vollständig verhüllt erscheinen. Bewahren Sie Ihre Keuschheit. Merken Sie denn nicht, dass das Zeigen Ihres Gesichtes einer Profanierung gleichkommt? Ist Ihnen nicht bewusst, dass es Ihr Antlitz entweiht? Wenn Sie weiterhin Ihr Gesicht zeigen. Ihre Verhüllung ist auch ein Schutzmantel, der Sie vor der Gier und Lust der Männer bewahrt. Denken Sie immer daran!
Nein! Nein! Nein, Nein, Nein, Nein! So geht das nicht. Ich weiß, was Sie vorhaben, aber das können Sie nicht tun. Sie werden mir zuliebe wieder zur Ausgangsposition zurückkehren. Sonst werde ich böse, und glauben Sie mir, ich kann sehr ungemütlich werden, wenn ich böse bin. Sie wissen genau, dass Ihr Auftritt heute in der Bibliothek der reinste Affront war. Sie verraten nicht nur mich, Sie verraten auch uns beide. Aber bitte.
Gut, ich beruhige mich. Sicherlich sind Sie alt genug, um selbst zu entscheiden, was gut für Sie ist und was nicht. Bis vor kurzem war Ihre Keuschheit, Ihre Unberührbarkeit das größte Gut, was Sie besaßen. Die Unnahbarkeit, die der Schleier Ihnen verlieh, machte Sie zu der begehrenswertesten Frau in der Bibliothek. Jeder der anwesenden Männer hatte mehr Respekt vor Ihnen als vor den teilweise aufreizend gekleideten Frauen, die ihr blondes Haar über die Schulter werfen, mit den Augen klimpern und auf hohen Absätzen über den Teppich staksen.
Sie waren von Anfang an anders. Sie verhüllten das, was einige Frauen penetrant sichtbar machen, und Sie zeigten durch diese Verschleierung mehr als diese Frauen durch ihr aufreizendes Gehabe zu verhüllen suchen. Sie zeigten, dass Sie eine untadelige, reine, makellose und pure Frau sind, die sich selbst gehört und niemandem sonst.
Um Ihnen die Bedeutung der Jungfräulichkeit einmal näher zu bringen, will ich Ihnen von meiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau erzählen, die ich, immer noch liebe. Es war eine körperliche und sinnliche Liebe gewesen. Der Anblick ihres Körpers brachte mich in Wallung, und mit dieser Wallung ging eine sinnliche Erfahrung einher, die die zähe und zermürbende Alltagswelt in ein goldenes Paradies der Erregung transformierte. Ich sah nicht alles durch die rosarote Brille, wie man sagt, sondern ich sah eine Welt, die durch ihre Existenz eine Aufwertung erfahren hatte. Meine Frau machte durch ihr Dasein aus meiner bis dato für verkommen und armselig gehaltenen Welt eine Welt, die göttlichen Charakter hatte. Meine Frau hatte die Kraft, der Geschichte der Menschheit eine Daseinsberechtigung zu geben. Mit ihrer Schönheit erklärte sie graues Regenwetter, sie erklärte, menschliche Verkommenheit und irdische Banalität. Sie wog alle negativen Dinge mit ihrer Schönheit auf. All diese hässlichen Dinge, so glaubte ich, existierten allein aus dem Grund, die Schönheit meiner Frau messbar zu machen. Nur weil es das Hässliche gab, konnte ich auch die Schönheit meiner Frau erkennen. Doch mit den Jahren unseres Zusammenseins verblasste das Bildnis an den eintönigen hin und her des Alltages. Die Liebe blieb zwar, aber sie hatte an Glanz und einen gewissen Reiz verloren. Genauso können wir uns nur dann ein Bild vom Himmel machen, wenn wir auch das Bild der Hölle kennen. Yin und Yang, Sie verstehen?
Sie haben gewonnen. Ich gebe auf. Sie haben so ziemlich alles von sich gezeigt, und mich meiner Phantasie beraubt. Jetzt muss und darf ich mir nicht mehr vorstellen, wie Sie wohl ohne den Schleier aussehen, jetzt weiß ich es. Jetzt mache ich mir keine Illusionen mehr über die Form Ihrer Brüste, die Farbe Ihrer Haut, die Muskulatur Ihrer Beine, denn jetzt habe ich mehr als nur eine Ahnung von der Beschaffenheit dieser Körperteile. Im Grunde muss ich mir selber Vorwürfe machen, denn Sie waren von meiner Obsession peinlich berührt, und sahen keinen anderen Ausweg als die Entblößung. Sie haben den Preis bezahlt, und Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ich finde Sie nicht mehr göttlich. Sie sind schön, ja, aber auf eine profane Weise. Sie unterscheiden sich nun nicht mehr von den Ägypterinnen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Von der Exotik Ihrer Person ist nichts mehr übrig geblieben, Sie haben nichts mehr gemein mit der Frau, die ich vor über zwei Monaten zum ersten Mal durch die Tür des Lesesaals schreiten sah. Sie sind keine Scheherezade, keine Salammbô, nein. Obwohl ich von Anfang an wusste, dass Sie nur eine meiner Phantasien sind, war ich doch in diese Phantasie verliebt. Wenn man das Leben auf dieser Seite der Erde so in- und auswendig kennt wie ich, dann bleibt nur noch die… wenn auch imaginäre… Flucht auf die andere Seite.
Ich wünsche Ihnen alles Gute. Wer weiß, vielleicht kommen Sie einmal wieder, und vielleicht werden Sie dann an diesen 'alten Sack' denken, der Ihnen bei Ihrem ersten erscheinen in der Bibliothek nun auch noch diesen bizarren Brief geschrieben hat. Vielleicht werden Sie diese Episode Ihres Lebens dann mit einem Lächeln quittieren und mir verzeihen können. Es war keineswegs meine Absicht, Sie zu irgendwelchen Dingen zu zwingen, die Sie nicht wollten. Ich war vielmehr ein Egoist, der sich einer exotischen Frau, die er nicht kannte, aufgedrängt hat, um eine Intimität zu schaffen, die nur einseitig motiviert war. Auch wenn ich gerne wüsste, wie Sie über diese ganze Sache denken, ziehe ich es dennoch vor, wieder in die Anonymität zurück zu kehren, aus der ich so plötzlich aufgetaucht bin.

Ein letztes Adieu, und machen Sie es gut.

ENDE

© by H. G. 2012 (de Molay)


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Verfasst: 29.07.2012, 09:50 


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